Das Geographische Bürgerinformationssystem des Landkreises Cham, GeoBIS-Cham

Zusammenfassung
Bereits seit dem Jahr 2002 beschäftigt sich der Landkreis Cham intensiv mit dem Thema „geographische Informationsverarbeitung in der elektronischen Verwaltung“, also dem Einsatz moderner Geoinformations- und Kommunikationstechnologien zur Beschleunigung und Vereinfachung von raumbezogenen Verwaltungsvorgängen.
Nach dem erfolgreichen Aufbau einer interkommunalen GIS-Lösung (IkGIS-Cham) und der systemtechnischen Anbindung aller Beteiligten ist 2009 die konsequente Integration dieses Systems in die Online-BürgerServices des Landkreises erfolgt. Diese Geographischen BürgerServices bieten neben Zugängen zu einem digitalen Planarchiv sowie einer Online-Plattform für Planauslegungen auch GDI-konforme GeoWebServices und ein Geographisches Bürgerinformationssystem an.
1. Das IkGIS-Cham als Basis einer kommunalen GeoDateninfrastruktur
Weil im Landkreis Cham seit jeher eine ausgeprägte interkommunale Kooperationsbereitschaft geherrscht hatte, war von Anfang an klar gewesen, dass die kreiseigenen Gemeinden und Zweckverbände mit in eine zu schaffende Kommunale GeoDatenInfrastruktur (KomGDI) einzubinden sind. Die aktuellen Entwicklungen und Trends im Kontext von GDI-DE und INSPIRE bestätigen diesen ganzheitlichen Ansatz im Nachhinein als den einzig richtigen.
1.1 Aufgabenstellung
Es war das Hauptanliegen des Landkreises, den Transfer von GeoDaten zwischen den kreisangehörigen Kommunen, der Vermessungsverwaltung und weiteren Partnern mit Hilfe von effizienten Standard-Technologien zu vereinheitlichen und damit signifikant zu verbessern. Daher übernahm das Landratsamt Cham die gemeinsame, interkommunale Vorhaltung eines Geoinformationssystems.
1.2 Realisierung
Der Ansatz des Landkreises hat das frei skalierbare High-End-System ArcGIS der Firma ESRI in Verbindung mit einer integrierten, objektrelationalen GeoDatenbasis (ArcSDE) und proprietären sowie standardisierten WebGateways (ArcGISServer) zur Grundlage.
Die verwendete GIS-Software wird vor Ort nicht als „Landkreis-GIS-Lösung“ als Solches betrachtet. Vielmehr handelt es sich hierbei quasi um ein GIS-Betriebssystem, das gleich einem Baukasten alle relevanten Komponenten beinhaltet. Diese Komponenten werden für die vielfältigen Aufgaben in Eigenregie laufend rekonfiguriert und neu herangezogen. Mit diesem Ansatz über eine Art „Schweizer Taschenmesser“ hat der Landkreis Cham von Begin an Neuland im Bereich der kommunalen Geoinformationssysteme beschritten. In aller Regel kommen auf diesem Sektor nach wie vor vermeidlich fertige Lösungspakete oder auch nur singuläre Fachlösungen zum Einsatz.
1.3 Status Quo
Die GIS-Einführungsphase und -Akzeptanzbildung ist längst abgeschlossen. Das System befindet sich seit dem 01.01.2005 im produktiven Betrieb. Es wird dennoch laufend weiterentwickelt.
Das IkGIS-Cham hatte sich binnen kürzester Zeit bei allen Beteiligten etabliert. Die Summe der technischen Komponenten sowie die Vielfalt der Anwender kann inzwischen als eine funktionierende KomGDI bezeichnet werden. Diese ganzheitliche Umsetzung ist in Bayern leider immer noch ein Einzelfall.
1.4 Ergebnisse
Inzwischen können neben gängigen GIS-Arbeitsplätzen sowohl Terminalserver- als auch WebGIS-Clients umfassend bedient werden. Es werden zudem proprietäre GeoWeb-Services und OGC-konforme Fachdatendienste zur interoperablen Anbindung externer Lösungen sowie ein Geographisches Bürgerinformationssystem angeboten. Die drei Zielgruppen „Landratsamt“, „Gemeinden“ und „Bürger“ können dadurch anwendungs- und datentechnisch angemessen versorgt werden. Die notwendige Netzinfrastruktur liefert das Kommunale Behördennetz des Landkreises.
Auf das Geographisches BürgerInformationsSystem (GeoBIS-Cham) wird im Folgenden näher eingegangen.
2. Geographische BürgerServices
Im Frühjahr 2009 wurde der Internettauftritt des Landkreises Cham der Öffentlichkeit komplett überarbeitet vorgestellt. Der Landkreis präsentiert sich dabei im neuen Gewand und mit einem enorm erweiterten Dienstleistungsangebot.
Die Stärken des neuen Systems liegen nicht nur in der modernen Darstellung, sondern vor allem in der einfachen Pflege und Aktualisierung der Inhalte. Die gesamte Internetpräsentation baut auf einer dynamisch-datenbankgestützten Lösung auf, die mittels eines ASPX.NET-basierten Web-Content-Management-Systems (Web-CMS der Fa. LivingData) gepflegt wird. Bereits seit Jahren werden alle organisatorischen Informationen und Verwaltungsstrukturen in einer zentralen Datenbank erfasst. Diese wird nun zur Darstellung redundanzfreier Webinhalte herangezogen.
Auch der Einsatz eines Dokumentenmanagementsystems (DMS) mit Langzeitarchivierung macht sich im Sinne der Redundanzfreiheit für den neuen Internetauftritt überaus bezahlt. So sind nun Amtsblätter, öffentliche Auslegungen digitaler Planwerke und digitale Bebauungspläne direkt aus dem DMS-Archiv, jedoch sicher verschlüsselt, für den Bürger zugänglich.
Unter dem Oberbegriff „OnlineServices“ ist eine stetig wachsende Sammlung von bürgerrelevanten Informationsdiensten entstanden. Die geographischen BürgerServices bilden eine interessante Rubrik dieser Dienste. Bislang stehen folgende Inhalte zur Verfügung:
2.1 WebDienste mit einem passiven Raumbezug
1. Öffentliche Auslegungen digitaler Planwerke
Die Internetplattform zur Öffentlichkeitsbeteiligung an Verwaltungsverfahren, die eine Planauslegung vorsehen, liefert die Möglichkeit der Einsichtnahme in digitale Pläne und Unterlagen, die im Rahmen verschiedener laufender Verfahren für eine öffentliche Auslegung erstellt wurden.
2. Digitales Planarchiv
Das öffentliche Planarchiv beinhaltet alle rechtskräftigen Bebauungs- und Flächennutzungspläne incl. deren Änderungen. Der interessierte Bürger erhält hierüber den direkten Zugriff auf derzeit etwa 1300 archivierte Unterlagen. Dieser erfolgt entweder listenweise und/oder mit Vorschaumöglichkeit differenziert nach Plantyp und Gemeindezugehörigkeit.
3. Bodenrichtwerte
Der Dienst „Bodenrichtwerte“ bietet die Möglichkeit, eine Übersichtskarte zu laden sowie amtliche Richtwertauskünfte online zu bestellen. Darüber hinaus wird auf das sog. VBORIS verwiesen. Dieses Vernetzte BodenRIchtwertSystem ist ein landesweites Informations- und Auskunftssystem der Gutachterausschüsse der Landkreise und kreisfreien Städte Bayerns.
2.2 WebDienste mit einem aktiven Raumbezug
1. GeoWebServices
Diese öffentlichen und interoperablen GeoServices sind standardisierte Dienste auf Basis der OGC-WebService-Technologie. Sie liefern kostenlos Karteninhalte mit aktuellen und flächendeckenden Informationen zur Einbindung in eigene GIS-Lösungen. Ein wichtiger Bestandteil sind hier die Bauleitpläne des Landkreises Cham mit allen Geltungsbereichen und gescannten sowie georeferenzierten Planunterlagen.
2. Geographisches BürgerInformationsSystem
Das GeoBIS-Cham ist das zentrale WebGIS des Landkreises für die Öffentlichkeit. Es ermöglicht die dynamische Anzeige interessanter Verwaltungsinformationen in Kartenform.
3. Geographisches BürgerInformationsSystem
Das Geographische BürgerInformationsSystem ist ein kostenloses Angebot des Landkreises. Seine Inhalte werden laufend erweitert und regelmäßig aktualisiert. Die GIS-Anwendung liefert rund um die Uhr dynamische Karten mit aktuellen und flächendeckenden Verwaltungsinhalten zum Landkreis Cham und der näheren Umgebung. Sie ist damit ein integraler Bestandteil der neuen OnlineServices des Landkreises.
3.1 Technologie
Die Besonderheit des GeoBIS-Cham liegt neben dem umfassenden Content gerade auch in seiner innovativen Technologie, also seiner ServiceOrientierten Architektur (SOA).
3.1.1 Client
Aus der langjährigen Erfahrung mit Internet-GIS-Lösungen verschiedenster Einrichtungen geht deutlich hervor, dass WebGIS-Clients grundsätzlich den Spagat zwischen Funktionalität und Benutzerfreundlichkeit bewältigen müssen.
Eine hohe Funktionalität war bislang stets mit der Notwendigkeit verbunden, eigene Softwarebestandteile in Form sog. Plugins oder Controls auf Basis von Java- oder ActiveX-Komponenten auf dem Zielsystem zu installieren. Bei Java-Lösungen ist zudem eine umfangreiche Laufzeitumgebung Voraussetzung. ActiveX ist dagegen nur unter Windows lauffähig.
Neben dem Beigeschmack einer unkontrollierten Softwareinstallation auf dem heimischen PC waren vor allem auch die damit verbundene Datenmenge und der Installationsaufwand ein Hemmnis für eine breite Nutzung solcher Systeme. Ein weiterer Nachteil funktional aufwändiger Systeme ist oftmals die Heterogenität der Benutzeroberflächen. Die Systeme verfolgen leider immer noch die verschiedensten Bedienerkonzepte. Eine intuitive Bedienung nach Windows-Regeln ist hierbei noch sehr selten.
Auf der anderen Seite bieten die meist auf Basis von HTML und JavaScript entwickelten „schlanken“ WebGIS-Clients i.d.R. nur rudimentäre GIS-Funktionalitäten mit der Beschränkung auf einfaches „Gucken & Drucken“.
Diese Zwänge konnten für die Entwicklung des GeoBIS-Cham beseitigt werden. Das Ziel eines zukunftssicheren, systemunabhängigen und zugleich schlanken WebGIS-Clients mit gehobener Funktionalität wurde mithilfe der auf allen modernen Browsern lauffähigen ASPX.NET-Technologie und Asynchronous JavaScript and XML (AJAX) ohne zusätzliche Komponenten erreicht. Als Entwicklungsumgebung kam MS Visual Studio in Verbindung mit dem WebADF (Web Application Developing Framework) des ESRI ArcGIS Servers 9.3 zum Einsatz.
Diese Technologie ermöglicht es dem Entwickler, die GIS-Funktionalitäten grundsätzlich serverseitig abwickeln zu lassen. Damit wird zum Einen der PC der Anwender spürbar entlastet. Zum Anderen kann theoretisch die gesamte ArcGIS-Funktionalität ohne große Aufwände und eigene Softwarebausteine in das WebGIS abgebildet werden.
Dieses WebADF liefert für seine Komponenten zudem eine intuitive Bedienbarkeit nach Windows-Standard, also einem vertrauten „Look & Feel“. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.
3.1.2 Datenfluss
Der eigentliche Mehrwert des Systems entsteht aus Sicht der Verwaltung, natürlich neben der Bürgerinformation an sich, durch die Datenbereitstellung in Echtzeit. Die angebotenen Fachdaten stammen ohne Ausnahme und Zwischenspeicherung, wie Spiegelung und Replikation, aus dem Produktivsystem des Landratsamtes. Sogar die Applikation selbst wird aus dem internen Netzt des Landkreises via ReverseProxy-Technologie sicher und performant nach außen getragen.
Ein MS SQL-Server liefert in Verbindung mit einer ArcSDE die eigentlichen GeoDaten. Ein ArcGIS Server „betreibt“ das WebADF und die damit realisierten WebGIS-Lösungen zusammen mit einem MS IIS (InternetInformationServer). Den Part des ReverseProxy mit der gesamten Logik des Datenflusses durch Firewall und KomBN übernimmt ein MS ISA-Server in der DMZ des Kommunalen Behördennetzes.

Konfiguration des Web-Zugangs (ReverseProxy)
3.2 Online-Hilfe
Ergänzend zum ohnehin intuitiv zu bedienenden Funktionsumfang wurde eine umfangreich illustrierte und damit nahezu selbsterklärende Online-Hilfe erstellt. ... mehr
3.3 Inhalte
Die Kartenanwendung nutzt eine Vielzahl an Datenquellen. Jede dieser Datenquellen gehört im Grunde zu einem eigenen Kartendienst und beinhaltet mehrere thematisch strukturierte Darstellungsebenen, sog. Karten-Layer. Diese Layer werden in der Karte beispielsweise als Gemeindegrenzen oder Luftbilder dargestellt.
3.3.1 Amtliche GeoBasisdaten der Bayerischen Vermessungsverwaltung sowie des Bundesamtes für Kartographie und Geodäsie
Die in der vorliegenden Kartenanwendung beinhalteten amtlichen GeoBasisdaten sind anwendungsneutrale Daten. Sie bilden die topographische Basis der Anwendung und sind systemseitig in festgelegte Maßstabsstufen eingruppiert. Die detaillierte Beschreibung der aktuellen Basisinhalte ist der Online-Hilfe zu entnehmen. ... mehr
3.3.2 GeoFachdaten des Landkreises Cham und anderer Fachstellen
Die in der Kartenanwendung beinhalteten GeoFachdaten sind anwendungsspezifische Daten und bilden die fachliche Basis der Anwendung. Sie stammen aus der zentralen GeoDatenbank des IkGIS-Cham und werden live zur Verfügung gestellt, so dass die dargestellten Inhalte exakt den intern verwendeten Strukturen entsprechen. Sie sind demnach in Bezug auf Aktualität, Vollständigkeit und Genauigkeit identisch. Lediglich personenbezogene Inhalte bzw. Inhalte nur für den Dienstgebrauch sind ausgeblendet. Die detaillierte Dokumentation der aktuellen und flächendeckenden Datenlayer findet man in der Online-Hilfe. ... mehr
3.3.3 GeoWebServices der GDI-Bayern
Neben diesen lokal am Landratsamt Cham verfügbaren GeoFachdaten wurden auch GIS-Dienste, der GDI-Bayern in die Kartenanwendung mit aufgenommen. Diese Dienste beinhalten aktuelle Fachinformationen verschiedener Behörden und Einrichtungen, wie beispielsweise des BayStMI, des BLfD sowie des BLfU. Ihre Inhalte ändern sich laufend, so dass an dieser Stelle nur auf die zugehörige Webseite der GDI-Bayern verwiesen werden kann. ... mehr
Ausblick
1998 wurde vor Ort das erste bayerische KomBN entwickelt. Mit dem IkGIS-Cham konnte 2005 erstmalig in Bayern ein ganzheitlich interkommunales Geoinformationssystem, also eine echte KomGDI, etabliert werden.
Mit dem GeoBIS-Cham beschreitet der Landkreis nun wieder technologisches Neuland. Die Echtzeit-GeoDaten in Verbindung mit einer SOA, und damit WebServices im eigentlichen Sinne, sowie einer systemunabhängigen Client-Technologie machen das System zumindest im kommunalen Bereich noch einzigartig.
Autor:
Dr. Ulrich Huber, Landratsamt Cham
(Veröffentlicht in der Fachzeitschrift "Der Bayerische Bürgermeister" des Jehle-Rehm Verlags, Heft 7+8/2009)